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Exklusiv-Bericht aus dem Karriere-Büro (Interview „die verlorene Generation”)

 

Wie Zeitungen zuletzt wiederholt berichteten (z. B. Gazeta Wyborcza vom 14.3.2011), steigt in Polen die Arbeitslosigkeit bei den jungen Akademikern sprunghaft an. Es wird bereits von der verlorenen Generation gesprochen. Die Absolventen hangeln sich nach erfolgreichem Abschluss des Studiums von Praktikum zu Praktikum oder landen in irgendwelchen Call Centern. Wer Glück hat, findet eine Stelle als „windykator“ bei einer Bank. Das Karrierebüro der Breslauer Uni hat vor dem Hintergrund dieser Problematik ein neues Projekt unter dem Titel: Talentmobil gestartet. Die Idee: Der Studenten oder Absolvent erkundet einen Monat lang ein erfolgreiches Unternehmen der Region, das über ein innovatives Geschäftsmodell verfügt. Das Neue hierbei: Der Kandidat agiert nicht in der Rolle des Praktikanten, wird also nicht zum Kopieren, Kaffekochen, Daten eingeben und Papiere abheften eingesetzt, sondern er bewegt sich als Beobachter – und nach einiger Zeit im Idealfall als Berater – in dem Unternehmen. Hierbei durchläuft er nach und nach alle Abteilungen. Ziel ist es den Blick zu schärfen für betriebswirtschaftliche Prozesse und erfolgreiche Unternehmensführung.
Jeder Firmenaufenthalt beginnt mit einem Interview, das der zukünftige Beobachter mit der Geschäftsleitung führt. Die herkömmlichen Rollen des Vorstellungsgespräches sind hierbei vertauscht. Der Beobachter führt das Interview und versucht sich einen ersten Eindruck von dem Geschäftsmodell und den Betriebsabläufen zu verschaffen.

Maciek, 26, hat an der Universität Wroclaw Ökonomie studiert. Anschließend hat er über 40 Bewerbungen verschickt. Eine Antwort hat er nie erhalten. Maciek hat sich für einen Aufenthalt (staz) im Niederschlesischen Zentrum für Hundetherapie (dogoterapia) entschieden. Das Erstinterview verlief sehr interessant. Wir danken Maciek für das Einverständnis, es an dieser Stelle zu veröffentlichen.

Maciek: Herr Doktor Bogdanowski, Sie sind Leiter des Niederschlesischen Zentrums für Hundetherapie. Bitte erklären Sie uns zunächst kurz, um was es sich bei der Hundetherapie handelt. Warum kommen die Menschen mit ihren kranken Tieren zu Ihnen?

Dr. B.: Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre Frage richtig verstanden habe.

Maciek: Warum kommen die Menschen zu Ihnen? Mein Tante zum Beispiel hat einen Hund. Wenn der krank ist, geht Sie zum Tierarzt.

Dr. B (lacht): Ach, Sie denken, die Hundetherapie ist eine Form der Tiermedizin? Nein, nein. Wir therapieren nicht Hunde sondern Menschen. Mit Hilfe von Hunden. Es geht um tiergestützte Therapie.

Maciek: …. Tiergestützte Therapie ….

Dr. B.: Sie haben doch schon sicher einmal von den Delphinen gehört. Delphintherapie. Das ging doch durch die Presse.

Maciek: Ach so. Ja natürlich. Delphintherapie. In Amerika. Mit autistischen Kindern, nicht wahr?

Dr. B: Genau.

Maciek: Und weil es in Polen keine Delphine gibt, nehmen Sie Hunde?

Dr. B.: Nein, so einfach ist es nicht. Hunde sind in besonderer Weise für die therapeutische Arbeit geeignet. Hunde ermöglichen eine einfache, unkompliziertere Kontaktaufnahme. Ein Hund ist immer authentisch, es sendet keine doppelten Botschaften. Menschen können Gefühle wie Freude oder Angst vertuschen. Kinder, die Probleme haben, Reize zu verarbeiten, reagieren darauf stark verunsichert. Der Hund knurrt, der Hund wedelt mit dem Schwanz, das sind Botschaften, die klar in unserem Hirn ankommen. Unsere Patienten lernen mit Hilfe des Hundes vertrauensvolle Beziehungen zu knüpfen. Die einzelnen Phasen sind: Beobachtung des Hundes , Kontaktaufnahme, einfache Aktivitäten wie z.B. streicheln und schließlich komplexe Interaktion.

Maciek: Sind Ihre Patienten ausschließlich Kinder?

Dr. B.: In erster Linie, ja, aber nicht ausschließlich. Auch mit depressiven Erwachsenen zeigen sich ermutigende Ergebnisse. Hunde besitzen so etwas wie einen Aufforderungscharakter. Sie bringen Menschen dazu, wieder aufzustehen, sich um etwas zu kümmern und lösen positive Gefühle aus.
Zudem haben wir noch Besuchshunde. Mit diesen Hunden fahren wir einmal pro Woche in Altenheime. Altenheimbewohner freuen sich sehr über dies Angebot. Es ist im Grunde ganz einfach, und die Besuchshunde brauchen keine besondere Ausbildung.

Maciek: Sie haben die Ausbildung angesprochen. Wie ich hörte, verfügen Sie über eine Hundeschule.

Dr. B: Das ist richtig.

Maciek: Was lernen die Hunde dort?

Dr. B.: Panie Macku, Ich muss Ihnen sagen, Sie haben sich wirklich nicht besonders gut auf unser Gespräch vorbereitet. Hundeschule bedeutet nicht, dass die Hunde dort etwas lernen, sondern, dass wir etwas von den Hunden lernen!

Maciek: Ach, so ist „Hundeschule“ zu verstehen. Entschuldigen Sie bitte meine schlechte Vorbereitung, ich hatte nur wenig Zeit. In der Hundeschule fungieren die Hunde also gewissermaßen als Ausbilder. Das ist bemerkenswert. Welche Schulungen bieten Sie an?

Dr. B.: Nun, in erster Linie Schulungen zum Training des Durchsetzungsvermögens (asertwynosc). Unsere Teilnehmer erlernen anhand des Trainings mit Hunden sich durchzusetzen und Kontrolle über die Situation zu gelangen. Die Kurse erfreuen sich großer Beliebtheit und richten sich in erster Linie an Manager bzw. Führungskräfte.

Maciek: Was bieten Sie sonst noch an?

Dr. B.: Seit einiger Zeit führen wir im Auftrag der Krankenkassen (NFZ) Tast- und Sensibiliserungs-Trainings für allgemeinbildende Ärzte durch.

Maciek: Was muss ich mir darunter konkret vorstellen?

Dr. B.: Untersuchungen der Krankenkassen haben gezeigt, dass die Zahl der Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen durch Hausärzte in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Hingegen sinken die Werte bei den Zufriedenheits-Befragungen der Patienten ständig. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens, die Ärzte kommunizieren nicht mehr mit den Patienten. Es werden keine vernünftigen diagnostischen Interviews geführt. Der zweite Grund ist, dass immer weniger Hausärzte den Patienten überhaupt körperlich untersuchen. Ich meine klassisch, manuell. Haben Sie heutzutage einen Visite beim Hausarzt, können sie froh sein, wenn dieser hinter seinem Schreibtisch aufsteht und Ihnen die Hand gibt. Die klassische, körperliche Untersuchung, mit der sich Vieles diagnostizieren, aber kein Geld verdienen lässt, ist mehr und mehr im Rückzug begriffen. Es entsteht der Eindruck, dass viele Ärzte den körperlichen Kontakt mit den Patienten geradezu scheuen. Dem möchten die Krankenkassen entgegen steuern, indem Sie Ärzte zum Tast- und Sensibilisierungs-Training schicken. In unseren Kursen müssen die Teilnehmer mit dem Hund in physischen Kontakt treten, sie müssen ihn berühren und Besonderheiten ertasten.

Maciek: Sind diese Hunde krank?

Dr. B.: In der Regel nicht. Aber wie jeder Mensch, so hat auch jeder Hund physische Besonderheiten. Hier eine Knorpelbildung, dort eine Vernarbung u.s.w. Dies lernen die Ärzte zu erkennen.

Maciek: Sehr interessant. Gibt es noch weitere Kursangebote?

Dr. B.: Ja, wir führen seit einiger Zeit Bell-Schulungen durch. Das ist eine Art emotionales acting out. Das Angebot wird von Managern gut angenommen. Aber auch die Anfragen von Politikern häufen sich.

 Maciek: Was motiviert die Teilnehmer dieser Schulungen?

Dr. B.: Das ist eine gute Frage. Das Thema ist etwas delikat und wir stehen erst am Anfang unserer Beobachtungen. Aus den Berichten unserer Teilnehmer wissen wir, dass sie irgendwann im Leben den Wunsch verspürt haben, zu bellen anstatt zu sprechen. Vereinzelt haben diese Leute zu Hause bereits mit dem Bellen oder Vorstufen desselben begonnen. Meistens heimlich, wie Sie sich denken können. Nun, dies führt manchmal zu peinlichen Situationen im privaten Umfeld. Wir greifen die Thematik auf und stützen uns dabei auf das therapeutische Prinzip der paradoxen Intervention. In unseren Schulungen können die Teilnehmer in allen Variationen bellen; sooft sie wollen und solange sie wollen. In der Regel schwächt sich die Lust dann ab. Am Ende sollten sie allerdings noch die Abschlussprüfung bestehen.

 Maciek: Am Ende der Bell-Schulung steht ein Examen?

Dr. B: Ja, das Bestehen der Prüfung ist Voraussetzung für den Erhalt des Bell-Diploms.
Wer auf die Prüfung verzichtet erhält „nur“ eine Teilnahmebescheinigung.

Maciek: Stößt die Prüfung auf Nachfrage?

Dr. B: Ja, die Nachfrage ist groß. Bitte bedenken Sie, unsere Kunden bewegen sich für gewöhnlich in sehr leistungsorientierten Umgebungen.

 Maciek: Wie sieht die Prüfung aus? Würden Sie sie als schwer bezeichnen?

Dr. B.: Ich denk schon. In unserem Land sind alle Prüfungen schwer. Bedenken Sie, was für Strapazen Menschen auf sich nehmen müssen, um eine banale Lizenz als Stadtführer in Wroclaw zu zu bekommen. Erst mündliche Prüfung, dann schriftliche Prüfung, dann eine Stadtführung mit Prüfungskommission und am Ende noch eine Führung im Bus am Mikrofon. Auch unsere Teilnehmer bekommen das Diplom nicht geschenkt.

Maicek: Verraten Sie uns bitte, wie die Prüfung in etwa aussieht. Ich weiß, dass Sie uns nicht zu viel sagen können.

Dr. B. So viel kann ich verraten: Es gibt vier Prüfungsteile: Bell-Fähigkeit, Hunderassen-Identifizierung, dialogisches Bellen und schließlich das Chor-Bellen.

 Maciek: Aha, sehr interessant. Abschließend habe ich noch einige Fragen zur ökonomischen Dimension Ihrer Geschäftstätigkeit. Wie Sie wissen, habe ich Ökonomie studiert und möchte Ihr Unternehmen auch aus wirtschaftlicher Sicht näher kennenlernen. Natürlich versuche ich auch, die eine oder andere Verbbesserungsanregung einzubringen

Dr. B.: Bitte.

Maciek: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie?

 Dr. B.: Bei uns arbeiten 8 Therapeuten, 1 Sekretärin, 4 Besuchshunde und 12 Therapiehunde.

Maciek: In welcher Form sind die Therapeuten und die Sekretärin bei Ihnen beschäftigt?

Dr. B.: All haben „dzialalnosc gospodarcza“.

Maciek: Aha, das notiere ich mir. Damit ist dieses Potential der Kostensenkung bereits erschöpft.

 Dr. B.: Richtig.

Maciek: Und in welcher Form sind die Hunde bei Ihnen beschäftigt?

Dr. B.: Die Frage ist nicht ihr Ernst.

Maciek: Sie haben selbst gesagt, dass die Hunde bei Ihnen arbeiten.

Dr. B. Wenn Sie Ökonomie studieren, dann dürften Ihnen bekannt sein, dass Tiere in Polen – und so weit ich weiß auch in jedem anderen Land der Welt – nicht arbeitsrechtlich erfasst werden. Und das ist auch gut so. Denn wir hätten größte Schwierigkeiten, die Hunde dazu zu bringen, „dzialalnosc gospodarcza“ anzumelden. Die Hunden haben nämlich keine anderen Auftraggeber. Sie leben bei uns und sind exklusiv für uns tätig.

 Macek: Mmh, natürlich. Hinzu käme das Problem, dass in Polen nur physische Personen (osoby fizyczne) „dzialalnosc gospodarcza“ anmelden können. Dann bliebe nur der Arbeitsvertrag….

 Dr. B.: Reine Spekulation. Bei uns bekommen weder die Hunde noch die Menschen einen Arbeitsvertrag. Ich möchte aber noch klarstellen, dass wir natürlich sehr genau auf die Einhaltung des Tierschutzes achten. Therapiehunde dürfen maximal 90 Minuten pro Tagen arbeiten. Und dies auch nur 3 Mal in der Woche. Daraus erklärt sich die relativ große Zahl der Hunde.

Maciek: Wenn Sie die Hunde nicht einstellen, was sind sie dann buchhalterisch?

 Dr. B: Langfristige Wirtschaftsgüter.

 Maciek: Aha. Und die schreiben Sie über 5 Jahre ab?

 Dr. B.: Oh, das weiß ich nicht genau..

Maciek: Ich notiere mir das. Vielleicht gibt es hier noch Optimierungsspielraum. Was passiert zum Beispiel, wenn in ein Hund nach drei Jahren stirbt?

Dr. B.: Da fragen Sie besser mein Sekretärin, die kümmert sich auch um die Buchhaltung.

 Maciek: Mmh, vielleicht gibt es in diesem Fall eine Restwert-Berechnung. Ich werde das zu Hause prüfen.

 Dr. B. Sehr freundlich von Ihnen.

 Maciek: Zum Schluss noch eine Frage. Gibt es noch andere Tiere, die sich zur Therapie eignen. Vielleicht Tiere, die länger leben als Hunde?

Dr. B.: Ja. Nicht zufällig eröffnen wir in zwei Monaten ein Zentrum für Esel-Therapie in Lublin. Sie sind herzlich eingeladen.

 Maciek: Oh, vielen Dank!

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